Logbuch

Es wird gezogen und gestoßen,
geworfen und abgelegt, gejohlt und geflucht.
beim Spieleabend im Garten

Manchmal mischt sich ein leises Seufzen
unter das Getöse.

Das sind die Geister aus dem Gemäuer
des Bewegungshofes,
die das Treiben beobachten.

15.7.2026, Melina Vesely

Heute ein Freigang
Raus ins Wirtshaus

Alles wirkt
überdimensioniert

die Fenster
die Tische
die Bänke

die Salatteller
die Butterbrote

und die
Geschichten

die herumspuken

zwischen den
riesigen Schnäpsen

und unausgesprochenen
Wahrheiten

über
Kirchberg am Wagram

14.7.2026, Melina Vesely

Das Boot liegt im verbrannten Gras, ohne Ruder, ohne Segel.
Wir warten im Garten.
Mit Geschichten von Bademeistern und Werwölfen.

Maulbeeren in die Mäuler, alpine Johannisbeeren, schwarze Büffelbeeren
und Zibthibeeren, japanische Pflaumen,
Krakis und Quitten. Von Bäumen und
Sträuchern direkt in rot verschmierte
Münder. Blutrote Hände greifen
nach den reifen
Früchten.

Bare Frucht im
essbaren Land

13.7.2026

13.7.2026, Melina Vesely

Ankommen, Ablegen, dann: detaillierte Einweisung
in die Räumlichkeiten und Gepflogenheiten etc.

Abends: Großes Grillgelage
und
gefährliches Gerhard

Er schmaust
und schmatzt,

Gerhard mit der
12-sprossigen Malerleiter

„Genial“ schreien die
einen und rennen
zu bestaunen

der unbehelmte
Gerhard hält sich
und fällt nicht

und schmeckt

bis dann

ein paar Schritte
tun möchte.

Grob fahrlässig
murmeln die anderen und
halten sich die Hände
vor die Augen

Aber ich falle ins Bett und wälze mich noch
einige Stunden, zu müde um zu schlafen.

12.7.2026, Melina Vesely

DREI SIEBTEL
DREI SIEBTEL
DREI SIEBTEL
ICH KANN KIRCHBERG AM WAGRAM NICHT VERGESSEN.
DER LETZTE UNTERGANG DER
SONNE WAR ZUKUNFTSMUSIK.
RAUM EINZUNEHMEN ERSCHIEN UNS
SELBSTVERSTÄNDLICH, ZEIT ZU █
VERSCHWENDEN █ VERKANNTEN WIR
ALS LUXUS. █ WIR BESASSEN DIE
FREIHEIT, IM MISSKLANG MIT DER
NATUR ZU LEBEN, WIDER BESSERES
WISSEN ZU HANDELN, DENN DAMALS
WAR MORGEN IMMER NOCH █
EIN TAG. WIR HATTEN BEFUGNISSE
UND OPTIONEN, SCHLÜSSEL UND
LEITERN, STIEGEN ÜBER DIE
MAUERN, RUTSCHTEN IN DEN
GARTEN, LEBTEN VOM BAUM IN DEN
MUND: MAULBEEREN, PFLAUMEN,
SAUERKIRSCHEN. UND
SAUCE HOLLANDAISE, SO
VIEL WIR WOLLTEN.

Stephan Roiss, 08.07.2026

ZWEI SIEBTEL
ZWEI SIEBTEL
ZWEI SIEBTEL
ICH KANN KIRCHBERG AM WAGRAM
NICHT VERGESSEN. WIR MISCHTEN
IN DIE STILLE EINEN KLANG UND
HAUCHTEN STAHL LEBEN EIN, ERFORSCHTEN
DEN ZUSAMMENHANG DER KÖRPER, DEHNTEN
DIE GRAMMATIK. DAS HAUS WAR VOLLER
GEIST, █ DAS HAUS WAR VOLLER
█ GEISTER. DIE DICKEN MAUERN DER
ANSTALT, VON DENEN WIR UNS SCHÜTZEN
LASSEN KONNTEN, WAREN FÜR DIE ZÖGLINGE
UNVERRÜCKBARE STEINMONSTER GEWESEN,
DIE ZWISCHEN IHNEN UND DER WEITEN
WELT GESTANDEN HATTEN, STUMM UND
BRUTAL. WIR WOLLTEN UNS IN DEN
DIENST DER GESCHICHTE UND DER
GEGENWART STELLEN,
LEHRTEN EINANDER
ENTFESSLUNGSKÜNSTE.

Stephan Roiss, 07.07.2026

EIN SIEBTEL
EIN SIEBTEL
EIN SIEBTEL

ICH KANN KIRCHBERG AM
WAGRAM NICHT VERGESSEN.
DIE TAGE DES ZIESELS SIND GEZÄHLT,
DOCH DAMALS LÜFTETEN SEINE STOLLEN
NOCH DIE ERDE, DIE WURZELN DER
REBSTÖCKE ATMETEN AUF, DER WEIN
GEDIEH. WIR HATTEN NOCH EINE WAHL,
ALSO UNENDLICH VIELE. WIR ENTSCHIEDEN
UNS IN ZELLEN ZU LEBEN, HINTER GITTERN
FREI ZU SEIN, UNGESTRAFT. WO EINST
ERZOGEN WURDE, WER ALS SCHWER
ERZIEHBAR GALT, GEWÄHRTEN WIR
████████ INNEREN KINDERN
AUSLAUF. WIR SPIELTEN DAS
SPIEL MIT GROSSEM
ERNST, ALSO GUT.

Stephan Roiss, 06.07.2026

SAMSTAG — Heut ist also Samstag — die sechste Kerbe,
in der Zellenwand. Unter dessem weißer Farbe orankscher
Anstrich sich auftut — fünf konsekutive Nächte schon
schlif ich hier in der Anstalt so mancher Geist
besuchte mich ergriff die Gelegenheit spukte mir im
Traum herum Schreiberling was tust da nur wurd ich
gefragt und so weiter und so fort. Wie da antworten?
Ich ging Gedanken suchend durch das Gebäude
aber das Träumen hatte nicht aufgehört, in mir drin,
es träumte also fleißig weiter, in der Zeit zurück,
und in die Zukunft hinein. Und alles in mir, hier,
in meinem Kopf drin. So fand ich mich verschmitzt nein
das muss heißen verschwitzt nein schwitzen das tun
Schweine — so fand ich mich fast vollends prosperiert,
zerlaufen, auf der Matratze, morgens früh um 5.
Der Traum lief immer weiter, eine Fortsetzungsgeschichte
die sich nur minimalst ~~xx~~ bemühte die Wiederaufführung
vergangner Stoffe zu kaschieren, kleine Variablen —
Farben änderten sich von Haaren oder Augen der anderen
Zöglinge oder und so weiter. Ich saß hier also wirklich
fest. In der Arbeitszelle, wie zum Selbstversuch,
tippe ich diesem Schriftstück in meine Olivetti.
Ists nur ein Text der sich in meinem also dem mir
gewidmeten Archiv schon lange findet und dieses Archiv
wer hatte es einmal gegründet? Würd dies immer wieder
tum? Sie sehen: Geschichten ausdenken das ist leicht.
Die Geschichte auszuhalten, wenn~~x~~ sie dann geschieht,
ja,, passiert bereits ist, das ist das Kunststück.
Also in die Zelle zurück: Zelle raum, daneben wiederholt,
genau: die Zelln unterscheiden sich voneinander kaum.
Aber ausgetauscht werden sie jaschon. Wie morgen, sonntag,
manch KünstlerIn hier: gehn die ein, sitzen andre schon
gepackter Taschen im Garten, zu ~~freiwilligg~~ freiwilligem
Einzug in die Anstalt gern bereit. Ich~~m~~ bleib, bleib
noch eine weitre Woche hier. Hurra: endlich eine gescheite
Hazienda.

Ralf Petersen, 27.06.2026

FREITAG
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OFFENE ZELLEN

Der Anstaltsschreiberling verkündet: Freie T(X) Zellen!
Da wird schon geschmorrt gebruzzelt im Garten.
Währenddessen, wieder — immer so! — vorm fenster:
Diesmal: Parkvorgänge. Schreiberling, treiben dich
derlei Klangkonzerte nicht in die Enge? Hatte schon zu
viel: Barbara, die Kuratorin. Sie mochte die spanischen
Widerstandsgesänge aus meiner Zelle nicht mehr hörn.
Heut bin ich gnädig, morgen wird wieder gesungen,
sonst werden wir ja: niemals frei sein könn!
Im Keller derweil auch eine Klangsituation, auch
ein Stuhl, bald Katapult? ist installiert. Zum
aus dem Fenster fliegen nach Belieben. In einem
Stück oder in vielen? Wo sich die Fragmente
verlieren: ebenfalls im Keller, abgedunkelte
Ftenster, bei Bewegung geht ein Licht auf,
schau Wicki, wieder was erreicht• Wenn der Garten
nicht so fern wär — wär ich da, wo ich gern wär.
Der Zimmermann ist nicht der Gärtner, wennschon
seine Mutter ihn für einen hält. Fass mich nicht an,
sagt der Dreckige. Weil er schmutzig ist?
Ein Kabel liegt in Öl. Die Kochenden tanzen.
Das Feuer ist ein Kind, will ernährt werden.
Ahmed mit dem falschen Fuß aufgestanden, steht
aber tapfer du(xxx) auf beiden Beinen jetzt, huscht
durchs Haus, wird selbst zum Fest. Schau, wieder
was erreicht: Freitag heißt: Wochenende naht.
Morgen: Samstag: Wird alles weitergehn. Lest dann
hier — oder ihr kommt her und werdet sehn!!
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Ralf Petersen, 26.06.2026

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Donnerstag Ende Juni vor dem Fenster Buben
spielen im Pool rufen es planscht
Ich hier drin in der Arbeitszelle
Kühl ists schon und was will ich mehr
Wohin? Nirgends. Garten? Zu heiß.
Also: auf den Abend warten.
Die KünstlerInnen im Keller, in der
Werkstatt. Hier wird sich nur indirekt
erholt. Yachtclub, du! Jagdklub, wohl?
Die Jungs da draußen haben Spaß,
was bereitet mir Schreiberling, Ver–
gnügen? Was dir, LeserIn?
Morgen, am Freitag, offene Zellen.

Ralf Petersen, 25.06.2026

Mittwoch, 01.07.2026
Endlich der Regen — wie schön die Luft !
Endlich gesundes Essen. Endlich Spiele !
Gibt es denn noch offene Wünsche?

Ralf Petersen, 24.06.2026

MONTAG — Ausflug — essbare Landschaft:::
Was nicht bei drei vom Baum fällt wird ver–
kostet — und was fiel, wird aufgesammelt.
Für süße Beeren gibts drei-vier Extramägen:
Zwetschge Weichsel Ribisel usw usf.
Öl Marmelade — all dies an angenehm warmen
Abend… bei der dauernden Hitze d. Vorwoche
wär diese Wärme fast als Kühle Brise für
unsre wohlgefüllten Wampen berichtbar.
Yachtclub? Wohl eher Schmatzklub!

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DIENSTAG — ja, die Hitze ist wieder da,
„Habt ihr mich vermisst?“ — Klar, wenn du so
lieb fragst. Chris, Alfred, Markus sind in
die Anstalt eingezogen, sitzen (stehn liegn) —
mitunter ausgezogen — in den Arbeitszellen,
Kunst und ähnlich Künstlerisches zu erstellen.
Ich liesz mir ein neues Schwimmbadband
reichen trau mich aber nicht durch die
trockenstaubige Luft hinzuwarten zum Pool.
//Wünscht auch Ihnen eine angenehme Woche:
Schreiberling Schwitze-Nacken

Ralf Petersen, 22.06.2026 und 23.06.2026

Es ist Sommer – ab in den Yachtklub!!! Und wie schon die dritte
Kerbe sich auf der Zellenwand an die zweite reiht — manch Nacht,
schlafbefreit und von Ausbruchsphantasien geplagt, also hinter
uns — KünstlerInnen im sog. YACHTCLUB (denn ists nicht eine
Kunstfabrik, die uns hierher gelockt — nach Kürchberg a. Wagram?) —
liegt… ja: liegen wär jetzt schön. Doch nur kurz — am Becken–
rand, vielleicht? Später wird der Alchemismuspark entdeckt,
gekocht, dann Filmabend, mit Gast usw. Gästen! Ja.
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Morgen, LeserIn, hörst du mehr.
Dein S. (Schreiberling!!!)

Ralf Petersen, 21.06.2026

Ralf Petersen

(21.06. – 05.07.)

Ralf Petersen (*1992) 
lebt als Auslandsdeutscher im oberen Mühlviertel, wo er sich durch das Aufeinanderabstimmen von nach vorn geworfenenen Entwürfen, Darstellungen und Versuchen im Rahmen der kritischen Auseinandersetzung mit den Bedingungen des Lebens in- und außerhalb abgegrenzter Siedlungen sein Brot, seine Butter und Baustoffe verdient.

ralfpetersen.info

Resident
Writers

Stephan Roiss

(05.07. – 11.07.)

Autor & Musiker. 1983 in Linz geboren. Lebt ebendort und unterwegs. Sein Debütroman “Triceratops” stand 2020 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, sein zweiter Roman“Lauter“ 2024 war für den Österreichischen Buchpreis nominiert. Musikalisch aktiv bei Äffchen & Craigs, Fang den Berg, MULM, Kassa 4.

www.stephanroiss.at

Melina Vesely

(12.07. – 19.07.)

Melina Vesely (*1991) studierte Bildende Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar und derzeit an der Akademie der bildenden Künste Wien, im Studio für Kunst und Intervention/Konzept. Ihre Arbeiten sind eng verknüpft mit künstlerischer Recherche, was in verschiedenen kollektiven Projekten, Gedichten, Kurzprosa, Printpublikationen, Textil- und Audioarbeiten Ausdruck findet. Sie interessiert sich für widerständige (Alltags-) Praktiken und das Potential gemeinschaftlichen Lebens.

Ermöglicht durch die freundliche Unterstützung der folgenden Partner: